In Redekin ist die Großfamilie noch lebendig: Ururoma Ursula Richter freut sich über den jüngsten Zuwachs Leonie
Fünf Generationen unter einem Dach

06.03.2015

   Von
Sigrun Tausche



Fünf Generationen unter einem Dach - kann das in der heutigen Zeit noch gutgehen? Ja, es kann. Und noch viel mehr: Auch weitere Familienangehörige, die im Dorf oder in der Umgebung wohnen, kommen oft dazu bei Familie Richter-Schulze-Becker-Gericke-Ahlert-Rente in Redekin.

Redekin l Vor fünf Woche ist Leonie geboren, die "fünfte Generation". Sie ist die Tochter von Sandra Gericke (25) und trägt den Namen ihres Papas. Sandras Mutter, Manuela Gericke (48), wohnt nicht mit im Haus, sondern sie war mit ihrer Familie ins Haus der Oma - ebenfalls im Dorf - gezogen, als diese sich "verkleinern" wollte.

Ursula Richter (85), die älteste Generation, ist schon viele Jahre Witwe und hat nun eine der vier Wohnungen hier im Haus in der Karl-Liebknecht-Straße. Ihre Tochter Rotraud Schulze (66) wohnt ebenfalls hier und deren Nichte Susann Becker (44), also Manuela Gerickes Cousine, und deren Sohn Paul-Georg Ahlert (10). Er gehört wie Sandra zur vierten Generation.

Und nebenan im ausgebauten Stall wohnt noch Daniel Becker (39), der Bruder von Susann Becker, mit seinem Vater und mit seiner Partnerin - wenn die beiden gerade mal in Deutschland sind. Denn sie arbeiten schon seit 2006 in der Schweiz und haben dort auch eine Wohnung.

Wie es zu diesem "Unter einem Dach-Leben" kam, ist auch eine besondere Geschichte. Denn das Haus ist nicht etwa alter Familienbesitz, sondern es gehört im Grunde gar keinem von denen, die darin wohnen - aber durchaus einem Familienmitglied.

Früher sei das ein LPG-Haus gewesen, erzählen die Bewohner. Im Jahr 2001 haben es Karl-Heinz und Gisela Becker gekauft. Es sind die Eltern von Susann Becker, und Gisela Becker ist die Schwester von Rotraud Schulze. Sie sind nun praktisch Vermieter für alle, wohnen aber eine Straße weiter und sind Nachbarn von Manuela Gericke.

Damals haben noch Fremde im Haus gewohnt, die dann nach und nach ausgezogen sind. "Vergrault" worden sei keiner, betonen die Großfamilienmitglieder. Im Gegenteil: Wenn alle auf dem Hof zur geselligen Runde, zum Grillen zum Beispiel, zusammenkamen, wurde keiner ausgegrenzt.

Geselligkeit wird großgeschrieben bei der Großfamilie. "Unser Ritual ist es, dass alle nachmittags zum Kaffeetrinken hier zusammenkommen", erzählen sie. Alle, die Zeit haben, natürlich. Eine Anmeldung ist da nicht nötig. Wenn es mehr werden, wird eben zusammengerückt.

Ursula Richter, die älteste, fühlt sich sichtlich wohl im Kreise ihrer großen Familie. Geboren ist sie in Scharteucke, wohnt aber schon seit 1936 in Redekin. Seit Mai 2003 wohnt sie hier im Haus und überließ ihr Haus Manuela Gericke und Familie.

Diese war mit Geschwistern und Eltern 1973 von Redekin nach Genthin gezogen - der Arbeit wegen. "Jedes Wochenende sind wir nach Redekin gekommen und haben Oma und Tante besucht", erzählt sie. Wenn sie im Triebwagen saßen, haben sie immer geträumt: "Wenn wir groß sind, ziehen wir nach Redekin!" Hierher zu kommen, sei damals immer wie ein Kurzurlaub gewesen. Und Manuela Gericke kam zurück.

Mit dem Ausbau des Stalls nebenan hatte Daniel Becker 2004 angefangen und ist 2005 eingezogen. Eineinhalb Jahre hat er hier gewohnt, dann bekam er Arbeit in der Schweiz. Dort hat er zwar eine feste Wohnung, aber diese hier hat er trotzdem behalten. Wenn er der Entfernung wegen auch nur in größeren Abständen kommen kann - nach Redekin zieht es auch ihn immer wieder. Dann bleibt er immer ein wenig länger.

Es klingt fast wie ein Märchen, dass sich alle so gut verstehen in der Großfamilie. Klar, Meinungsverschiedenheiten gebe es überall, räumt Manuela Gericke ein. "Aber nach jedem Gewitter klart sich der Himmel wieder auf!" Die nachmittäglichen Treffen zum Kaffee möchte keiner missen. Da werde erzählt, was jeder so am Tag erlebt hat. "Es gibt immer was zu erzählen", betonen alle. Den Sommer über wird abends auch des öfteren gegrillt. Da werde spontan entschieden, was jeder mitbringt. "Und im Winter gibt es Glühweinpartys bei uns!"

Viele schöne gemeinsame Erlebnisse hatten die Großfamilienmitglieder schon, auch eine Hochzeit sei hier auf dem Hof schon gefeiert worden. "Es ist ein Geben und Nehmen", betonen sie. Keiner fühlt sich ausgenutzt, keiner kommt zu kurz. Das ist irgendwie gar kein Thema.

Und nun mit der 5. Generation - der kleinen Leonie - ist reichlich Aufregung ins Haus eingezogen. Sogar die Ururoma "rennt" mit dem Kinderwagen durchs Dorf, lachen alle, und "Oma" Manuela Gericke beschwert sich lachend: "Ich hatte noch gar keine Chance dazu!" Es heißt "Hinten anstellen!" beim Baby-Ausfahren.

Den Fototermin gestern hat Leonie gründlich verschlafen. Sie zeigte sich von ihrer besten Seite. Sie könne aber auch kräftig schreien, versichert Mutti Sandra. "Dann ist das ganze Haus wach!"

Das komme aber nicht so oft vor. Der Kleinen scheint die entspannte Atmosphäre im Haus gut zu bekommen - auch wenn es mal etwas lauter zugeht. Denn am Mittwoch wurde mal wieder gefeiert: Rotraud Schulze hatte ihren 66. Geburtstag, Sandra Gericke ihren 25. - beide am gleichen Tag. Die Stube war voll, und weil eigentlich auch noch Freunde eingeladen werden zu solchen Anlässen, wird eben in Etappen gefeiert. Lieber einmal mehr als zu wenig...

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