Pioniere aus der Elb-Havel-Kaserne geben Soldatenfriedhof in Lettland ein würdiges Aussehen
Kriegsgräber: Havelberger gestalten Friedhof neu

09.08.2014

   Von
Andrea Schröder



Andrea Schröder

Zehn Havelberger Pioniere waren für zwei Wochen im Einsatz für den Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge. In Lettland gestalteten sie einen Friedhof um, auf dem gefallene deutsche und russische Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg begraben sind.

Havelberg l Einem Urwald ähnlich war der Friedhof in Skaistkalne, Lettland, bis vor kurzem. Dort, wo gut 40 deutsche und 35 russische Soldaten, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben verloren haben, begraben sind, hatten Gras, Unkraut und kleine Bäume das Gelände erobert. Die Betonkreuze auf den Einzel- und Sammelgräbern waren kaum noch zu erkennen, zum Teil lagen sie um oder waren zerbrochen. Das Tor zum Friedhof hing nur noch in der Mauer aus Feldsteinen. Eine wirkliche Einfriedung gab es nicht mehr. In diesem Zustand hatte Hauptfeldwebel Mario Groß im Frühjahr den Friedhof gesehen, als er zur Erkundung das erste Mal in dem lettischen Ort war, der rund 80 Kilometer südlich der Hauptstadt Riga liegt. Jetzt war er als Kommandoführer mit neun Soldaten aus Havelberg dort, um dem Friedhof ein würdiges Aussehen zu geben.

"Wir sind zwei Tage mit den Autos unterwegs gewesen, haben rund 1350 Kilometer zurückgelegt. Übernachtet haben wir in Polen", berichtet Mario Groß. Dass eines der Fahrzeuge keine Klimaanlage hatte, war natürlich angesichts der sommerlichen Hitze sehr strapaziös auf der weiten Tour, bei der es zudem zum großen Teil nur über Landstraßen ging. Autobahnen sind eher Fehlanzeige. Untergebracht waren die Havelberger in der Militärakademie in Riga - gestaunt haben sie dort über den Komfort. Jedes Zimmer ist mit Kühlschrank, Mikrowelle und Fernseher sowie kostenfreiem Internet ausgestattet. Etwas, was sie vielleicht mit der Attraktivitätsoffensive ihrer Ministerin auch bald in deutschen Unterkünften erwarten können?

"Mit den Fragmenten der Grabplatten könnten drei Vermisstenfälle aufgeklärt werden."

Auf den Kriegsgräbern in Lettland stehen einheitliche Betonkreuze. Als die Friedhöfe angelegt worden sind, gab es allerdings Grabplatten. Diese haben die Soldaten bei ihrer Arbeit freigelegt und, nachdem sie die Fragmente zusammengesetzt haben, die Namen von weiteren drei gefallenen Soldaten entdeckt. Auf den Betonkreuzen stand: Unbekannter Soldat. Die aufgefundenen Daten werden an den Volksbund zur Recherche weitergegeben. "Damit ist es vielleicht möglich, drei Vermisstenfälle aus dem Ersten Weltkrieg aufzuklären", sagt Mario Groß.

Die Pioniere haben viel geschafft in den knapp zwei Wochen, die ihnen zur Verfügung standen. Das Unkraut hatte die Gemeinde Skaistkalne bereits im Vorfeld beseitigt. Somit gingen die Soldaten daran, die Fläche zu ebnen und von den Einzelgräbern die Feldsteine zu entfernen. Geschick war erforderlich, um die Betonkreuze zu reparieren. "Von den über 40 Kreuzen, die wir umgesetzt haben, waren 21 stark beschädigt. Die haben wir mit Stabeisen und Fliesenkleber zusammengefügt." Teilweise mussten verlorene Teile ersetzt oder Fugen gefüllt werden. Das Eingangstor wurde geschweißt, versiegelt und lackiert. Um eine Eiche herum war ein Denkmal gebaut worden, ein altes Foto zeigt das Rondell mit Stelen aus dem Jahr 1930. Davon lagen nur noch vereinzelte Steine herum. Die Männer fanden viele Teile des Denkmals und der Inschrift "Im Kampf bereit für Freiheit zogt ihr das Schwert, zu sterben bereit für Heim und Herd". Das wurde zu einem neuen Denkmal zusammengesetzt und bildet nun den Mittelpunkt der Anlage. Ein neuer Weg dorthin wurde gepflastert.

In das Rondell eingebracht haben die Soldaten die Bruchstücke der Grabplatten und nicht mehr benötigte Feldsteine. Denn Brauch ist es in Lettland, dass nichts auf den Friedhof Gebrachtes diesen wieder verlässt. "Deshalb klopfen sich die Einheimischen auch den Sand von den Schuhen, bevor sie vom Friedhof gehen", berichtet Mario Groß.

Die Sammelgräber, die mit Feldsteinen eingefasst sind, wurden mit Mulch bedeckt und die Kreuze wieder aufgestellt. Auf der 650 Quadratmeter großen Fläche wurde Rasen gesät. Der Gemeinde Skaistkalne ist es somit künftig möglich, den Friedhof mit einfachen Mitteln ohne großen Aufwand zu pflegen. Das war ein Ziel des Einsatzes. Denn neben der Schaffung einer ehrwürdigen Ruhestätte ging es darum, dass die Gemeinde sich selbst um die Anlage kümmern will. "Die Gemeinde war sehr daran interessiert, den Friedhof wieder herzurichten. Doch gab es dafür im Land keine Unterstützung, weshalb Kontakt zum Volksbund aufgenommen wurde", berichtet der Kommandoführer.

Die Havelberger Pioniere wurden von den Leuten vor Ort sehr herzlich aufgenommen. Die Bürgermeisterin schaute öfter vorbei. Ein Geschichtslehrer dolmetschte. Die Schulküche war trotz der Sommerferien geöffnet. Die Köchin bereitete leckeres Essen zu und erfüllte Wünsche der Soldaten. Zum Beispiel nach Königsberger Klopsen, die dort als Schönberger Klopse serviert worden. Denn Skaistkalne hieß früher Schönberg. Für einen Soldaten wurde vegetarisch gekocht. "Es gab immer reichlich, so dass wir wohl täglich 5000 Kilokalorien verbrannt und 7000 zu uns genommen haben." Umsorgt wurden die Männer auch von ihrem Spieß. Reservist Oberstabsfeldwebel Wolfgang Berg machte jeden Morgen Frühstück und wurde dem Spießtitel "Mutter der Kompanie" gerecht.

500 reine Arbeitsstunden haben die Männer geleistet. Dabei ist zu bedenken, dass sie für die Strecke hin und zurück täglich drei Stunden Fahrzeit in Kauf nehmen mussten. Wenn sie um 7 Uhr in der Kaserne in Riga gestartet sind, hat ein weiteres Arbeitskommando fast noch geschlafen. Die Soldaten aus Rostock hatten nicht solch eine lange Anfahrt zu der Gräberstätte, auf der sie tätig waren, und auch nicht solch großen Pflegeaufwand. Die sieben Soldaten halfen aber den Havelbergern an einem Tag und pflanzten die Hecke, die aus 70 kleinen Tannen die neue Einfriedung des Friedhofes wird. Das war ursprünglich nicht mit geplant. Da das 1500 Euro umfassende Budget, das der Volksbund für den Friedhof zur Verfügung stellte, noch nicht erschöpft war, wurden die Bäume vor Ort gekauft.

"Als sie ,Ich hatte einen Kameraden spielten`, bekamen wir alle eine Gänsehaut."

Brauch ist nach Abschluss der Arbeiten auf Kriegsgräbern eine Kranzniederlegung. Zur Andacht in Skaistkalne kamen neben der Bürgermeisterin und weiteren Gemeindevertretern auch der Pfarrer, der den Friedhof neu weihte, der Militärattachéfeldwebel und das Orchester der örtlichen Schule. "Als die Schüler das alte Soldatenlied ,Ich hatte einen Kameraden` spielten, bekamen wir eine Gänsehaut", sagt Mario Groß.

Die Havelberger, von denen vier als Reservisten im Einsatz waren, hatten für den Abschied Geschenke aus ihren Heimatregionen Karlsruhe, Franken, Flensburg, Berlin und Havelberg mitgebracht und überreichten zum Beispiel Sekt, Wein und Likör. Für die Schule hatte ein Soldat 40 Kilogramm Gummibärchen aus einem Werksverkauf in Deutschland besorgt.

Etwas Zeit hatten die Soldaten, Riga und Umgebung kennenzulernen. Am freien Wochenende machten sie eine Stadtrundfahrt durch die Hansestadt, besuchten das Militärmuseum und erholten sich am Ostseestrand im bekannten Kurort Jurmala. Froh, sogar mehr als die geplante Arbeit erledigt zu haben, kehrten sie vor einer Woche zurück. 100 Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges haben sie für gefallene Soldaten eine ehrwürdige Ruhestätte geschaffen.

      

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